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Ich arbeite mit negativer Verstärkung.

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Ja richtig gelesen, ich arbeite im Pferdetraining mit negativer Verstärkung. Ebenso aber auch mit positiver Verstärkung, negativer Strafe und in ganz ganz seltenen Fällen auch mit positiver Strafe.

Du hast den #Durchblick verloren?

Wie kann sie das einfach so ohne weiteres sagen? Negative Verstärkung? Positive Strafe? Wie soll das denn funktionieren?

Unser Bedürfnis etwas nach gut/positiv und böse/negativ einzuordnen muss erst einmal in den Hintergrund gerückt werden. Wie bei Mathe entspricht hierbei positiv dem +: es muss etwas hinzugefügt werden und negativ dem –: es muss etwas weggenommen werden.

Negative Verstärkung (R-) ist im Pferdetraining Alltag, wer jetzt behauptet er kommt voll und ganz ohne negative Verstärkung aus, vor dem ziehe ich meinen Hut. Das ist eine Einstellung, die ich sehr bewundere und die viel Selbstkontrolle erfordert.

Hier bei wird ein zuvor gesetzter (unangenehmer) Druck auf das Pferd ausgeübt und bei gewünschtem Verhalten weggenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das gewünschte Verhalten öfter bzw. schneller gezeigt wird steigt, da das Pferd den Druck vermeiden möchte.

Beispiel: Ich ziehe am Halfter damit mein Pferd einen Schritt nach hinten geht. Weicht es nicht halte ich den Druck aufrecht oder erhöhe ihn bis das gewünschte Verhalten eintritt. Geht es einen Schritt zurück höre ich auf Druck auszuüben.

Ganz klassische Vorgehensweise in jedem Stall, egal wo.

Reiten an sich ist ebenfalls aufgebaut aus negativer Verstärkung. Ich treibe mein Pferd an, damit es vorwärts geht. Geht es an höre ich auch auf zu treiben.

Positive Verstärkung (R+) hingegen baut darauf auf, dass das Pferd ein Verhalten zeigt, weil es sich lohnt. Hier steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Verhalten, weil das Pferd etwas dafür erhält. Futterlob, kraulen oder auch Aufmerksamkeit können als Verstärker geeignet sein. Etwas Angenehmes wird also hinzugefügt. Die innere/intrinsische Bereitschaft des Pferdes zu kooperieren steigt an.

Beispiel: Ich lobe ein zappeliges Pferd am Anbindebalken immer dann mit Futter, wenn es kurz ruhig steht. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ruhig stehen bleibt steigt mit jedem Lob an.

Warum positiv und negativ nichts mit gut und böse zu tun hat wird deutlich klar, wenn wir jetzt zur Kehrseite der Medaille wechseln.

Positive Strafe ist eine Möglichkeit die Wahrscheinlichkeit für ein Verhalten zu senken, in dem etwas unangenehmes hinzugefügt wird. Also eine aktive Strafe durch einen Klaps mit der Gerte, Hand oder andere Dinge. Ich füge Schmerz bzw. eben Strafe zu.

Am Beispiel mit dem zappeligen Pferd am Anbindebalken; Ich rüge das Pferd immer dann wenn es zappelt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es weiterhin zappelt sinkt, eben so aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass es sich weiterhin dort anbinden lassen  möchte.

Positive Strafe ist oft schwammig, man kann nicht genau kontrollieren, was das Pferd mit der Strafe verbindet. Mal ganz davon abgesehen, dass es sowieso fragwürdig ist in welchen Situationen man mit positiver Strafe arbeiten sollte.

Negative Strafe hingehen basiert darauf, etwas Angenehmes zu entfernen. Hier ist es etwas komplizierter, da sich diese Art der Strafe nur eignet, wenn das Pferd die Erwartung hat eine Belohnung zu erhalten. Die Wahrscheinlichkeit für ein Verhalten wird ebenfalls gesenkt, da es sich schlicht weg einfach „nicht lohnt“. In unserem menschlichen Alltag wäre eine negative Strafe Fernsehverbot für ein Kind, das seine Hausaufgaben nicht macht. Einem Pferd hingegen nimmt man die Möglichkeit auf eine Belohnung. Das heißt ich als Trainer gehe bei unerwünschtem Verhalten weg. Dafür muss das Pferd jedoch vorher gelernt haben, dass Mitarbeit toll ist und sich lohnt. Pferde zeigen bei Strafe keine Einsicht. Das Kind weiß, dass wenn es Hausaufgaben macht auch wieder fernsehen darf. Es gibt zu einen Fehler gemacht zu haben. Pferde hingegen lernen „lohnt sich“ und „lohnt sich nicht“. Negative Strafe sorgt also im Idealfall dafür, dass sich ein unerwünschtes Verhalten für das Pferd nicht lohnt.

Was ist denn jetzt aber der beste Weg ein Pferd zu trainieren?

Dazu vielleicht ein kleiner selbst Versuch. Wir spielen zwei Spiele:

1: Ich (Trainer) möchte, dass du (Pferd) etwas lernst. Ich weiß, was du machen sollst, aber du weist es nicht. Immer wenn du etwas anderes als das Gewünschte machst drücke ich dir mit meinem Finger in die Seite. Je länger du nicht ansatzweise das gewünschte Verhalten zeigst, desto fester drücke ich.

Was wird passiern? Du beginnst damit verschiedene Verhalten zu zeigen, damit vielleicht das erwartete dabei ist und ich endlich meinen Finger aus deinen Rippen ziehe.

Wie würdest du dich dabei fühlen?

2: Ich (Trainer) möchte das du (Pferd) etwas lernst. Ich weiß was du machen sollst, du weißst es nicht. Immer wenn du dich auch nur ansatzweise in die gewünschte Richtung verhälst belohne ich dich mit einem Stück Schokolade.

Was wird passieren? Du begreifst schnell, in welche Richtung das neue Verhalten geht und zeigst immer wieder zuverlässig die Ansätze und das gewünschte Verhalten, weil es sich für dich lohnt.

Wie würdest du dich dabei fühlen?

Diese Beispiele sind sehr überspitzt dargestellt, aber im Grunde zeigen sie sehr schön die Emotionslage der verschiedenen Verstärkungsmethoden auf.

1: Erleichterung über das Wegnehmen des Drucks.

2: Freude über die Belohnung.

Beide Trainingsarten werden dafür sorgen, dass Verhalten öfter gezeigt wird. Für das Pferd natürlich die deutlich schönere Art ist die über positive Verstärkung.

Meiner Meinung nach handhaben wir hier Tiere, die teilweise das 10fache unseres Gewichts haben. Ein genaues Eingehen auf das Tier als Individuum mit Charakter,Erfahrungen, Stärken, Schwächen und Emotionen ist von oberster Priorität. Denoch finde ich es wichtig, dass das Pferd lernt mit Druck umzugehen und im Zweifelsfall Nachzugeben. Das eine schließt das andere nicht aus. Ich handhabe es in meinem Training so, dass ich solange ich es kann alles immer und jederzeit positiv verstärken kann. Das bedeutet ich habe immer und überall Futter dabei und meine Trainingspferde kennen ihr Markersignal. Positive Verstärkung bedeutet nicht, dass ich jede zweite Sekunde das Pferd mit Futter belohne. Bei einem gutem Gundaufbau kann es gezielt eingesetzt werden ohne dabei „lästig“ zu sein.

Ebenso habe ich aber einen gewissen Grundgehorsam über negative Verstärkung erarbeitet.

Für mich ist es wichtig dem Pferd ein gutes Gefühl zu geben und es zur Mitarbeit zu motivieren und nicht durch übermäsigen Druck dazu zu bringen, weil es sonst keine andere Wahl hat.

Müsste ich beide Methoden gegen einander aufwiegen läge ich bei 80% R+ zu 20% R-.

Wichtig zu erwähnen ist ebenso, dass es keine Mischung beider Methoden gibt. Selbst wenn ich nachdem ich Druck gegeben habe mit beispielweise Futter lobe, habe ich zu aller erst den Druck entfernt und somit negativ verstärkt. Das kann eine Verbesserung des Ist-Zustandes mit sich führen, ist aber nicht empfehlenswert, da es beide Methoden abwertet.

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