Welche Reitweise ist die Beste?
Klassische Reitweise, FN, Akademische Reitkunst, Légèreté, Altkalifornisch, Western, Italienisch, Französisch, Portugiesisch – die Vielfalt der Reitweisen scheint schier unendlich.
Doch welche ist die beste?
Und warum gibt es so viele unterschiedliche Ansätze, wenn es darum geht, wie man ein Pferd reitet? Warum fordert der eine Reitlehrer, die Hände hoch zu halten, während der andere sie tief und breit haben möchte? Warum verlangt der eine, dass der Hals des Pferdes gebogen ist, während der nächste die gerade Haltung bevorzugt?
Selbst innerhalb einer Reitstunde mit dem gleichen Reitlehrer gibt es Unterschiede: Einem Reiter wird gesagt, den Kopf des Pferdes zu heben, der anderen soll den Hals verlängern. Wie soll man in dieser Fülle von unterschiedlichen Ansichten und Anweisungen die richtige Entscheidung treffen?

- Soll ich die Hände hoch, breit oder tief halten?
- Soll das Pferd den Kopf hoch, gerade oder mit gesenktem Hals tragen?
- Muss mein Pferd ständig gebogen werden oder sollte ich die Biegung vermeiden?
- Reite ich in Tempo oder lieber in Zeitlupe?
- Wie soll ich auf dem Pferd sitzen – gerade, mehr innen oder außen?
- Trabe ich leicht oder immer aussitzend?
Es ist leicht, bei der Vielzahl von Möglichkeiten den Überblick zu verlieren. Die Unterscheidung zwischen den Reitweisen und ihren Anforderungen kann fast verwirrend wirken – und so mag es vielen Reitern ergehen, die sich in der Welt der Reitkunst zurechtfinden wollen.
Die Wahrheit hinter den Reitweisen
Tief durchatmen – ich fasse es kurz: Es gibt keine pauschale Antwort, keine grundsätzlich „richtige“ oder grundsätzlich „falsche“ Reitweise. Jedes Ausbildungsystem hat seine Daseinsberechtigung. Und auch wenn sich viele Methoden widersprechen mögen, steckt oft mehr dahinter, als es auf den ersten Blick scheint.
Warum? Weil jede dieser Reitweisen mit verschiedenen „Werkzeugen“, damit meine ich nicht nur Ausrüstungsgegenstände sondern vor allem Übungen und Art und Weise zu reiten, arbeitet. Manche Werkzeuge sind einander sehr ähnlich, während andere sich stark unterscheiden, obwohl sie vielleicht für denselben Zweck eingesetzt werden. Die Frage ist: Welches „Werkzeug“, also welche Übungen und welche Ausführungen sind für dich und dein Pferd in welchem Moment die richtige Wahl?
„Werkzeuge“ ausprobieren

Wenn du ein neues „Werkzeug“ in die Hand bekommst, sei es eine neue Technik oder eine andere Art der Ausführung einer Übung mit deinem Pferd, dann probiere es aus! Teste es in der Praxis und schau, wie sich das Pferd damit fühlt und wie es darauf reagiert.
Manche Werkzeuge gehören dann vielleicht in deinen ständigen Arbeitsgürtel, weil sie gut funktionieren und dir weiterhelfen. Andere legst du zunächst in den Werkzeugkoffer und holst sie nur bei Bedarf heraus. Wiederum andere stellst du fest, dass sie nicht das Richtige für dich sind und legst sie beiseite.
Ein einfaches Beispiel: Wenn du eine Kreuzschraube ausdrehen willst, kannst du das mit einem Kreuzschraubenzieher machen – klar, das funktioniert. Aber auch ein Schlitzschraubenzieher hätte denselben Zweck erfüllt. Wenn du jedoch versuchst, eine Schlitzschraube mit einem Kreuzschraubenzieher zu drehen, wird das nicht klappen. Der Fehler liegt nicht im Werkzeug an sich, sondern darin, dass es für diese Aufgabe einfach nicht geeignet ist.
Funktionalität statt Dogmatismus
Was ich damit sagen möchte: Es gibt kein immer „richtig“ oder immer „falsch“. Es gibt nur das, was im Moment funktional ist. Du kannst deine Hände hochnehmen – das ist nicht grundsätzlich falsch, aber es ist vielleicht nicht das beste Werkzeug, wenn dein Pferd dadurch festgehalten wird. Das bedeutet nicht, dass das „Hochnehmen der Hände“ per se schlecht ist, sondern dass es in diesem Moment nicht die passende Lösung für die Situation ist.
Schlussfolgerung: Mehr als nur eine Methode
Wenn du das nächste Mal mit einer neuen Methode oder Technik konfrontiert wirst, frage dich, wofür dieses „Werkzeug“ gedacht ist. Experimentiere damit und schaue, wie es sich für dich und dein Pferd anfühlt. Manchmal wird es dir nützlich sein, manchmal auch nicht. Aber jedes neue „Werkzeug“ erweitert deinen Werkzeugkasten und hilft dir, flexibler auf die Bedürfnisse deines Pferdes einzugehen.
Am Ende des Tages geht es nicht um die eine „beste“ Reitweise, sondern darum, was du mit den verschiedenen Übungen und Ausführungen erreichen kannst. Und je mehr du ausprobierst, desto besser wirst du verstehen, was für dich und dein Pferd am besten funktioniert.