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Wie viel Gewicht kann ich meinem Pferd zumuten?

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Belastbarkeit eines Reit- oder Therapiepferdes

Neben der Frage der Reitweise wird nichts so heftig diskutiert wie das Reitergewicht. Jeder ab Hosengröße 40 wird anscheinend belächelt und manchmal netter und manchmal weniger nett gefragt ob er nicht ein anderes Hobby ausüben möchte. Alles zum Wohle des Pferdes natürlich.

Das alles erkennt der fachmännische Facebook-User natürlich nur an der Hosengröße. Denn bekanntlich wiegt man mit Hosengröße 40 ja mindestens 100 kg. (Achtung es handelt sich hierbei um Sarkasmus)

Aber jetzt mal Klartext, wie viel Gewicht sollte oder kann ich meinem Pferd maximal zumuten?

Um diese einfache Frage zu klären bedarf es einiger Faktoren, die wir vorher durch gehen sollten.

Dabei gilt es zu beachten:

Größe und Gewicht des Pferdes

Haben wir hier ein 120 cm Welsh A mit zierlichem Körperbau, einen etwas in die Breite geratenen Norweger mit gut gefülltem Weidebauch oder einen gut im Training stehenden Hannoveraner?

Das Stockmaß eines Pferdes herauszufinden zählt noch zu den einfachen Dingen, das Gewicht lässt sich oft jedoch schlecht schnell mal messen.

Am besten sollte man sein Pferd regelmäßig wiegen. Hierzu eignet sich entweder ein Termin mit einer mobilen Pferdewaage oder auch eine LKW Waage. Manche Landwirte besitzen eine oder auch an Tankstellen gibt es oft die Möglichkeit seinen Anhänger zu wiegen.

Wer hierzu nicht die Möglichkeit hat oder schnell einen ungefähren Richtwert haben möchte kann sich dazu auch folgende Formel zu Nutze machen.

Brustumfang² (cm) x Körperlänge (cm)

———————————————————-                 =   Gewicht des Pferdes in kg

                           11900

Brustumfang gemessen auf Höhe der Gurtlage über den Widerrist hinweg.

Körperlänge gemessen von Buggelenk bis Sitzbeinhöcker

Trainings und Ernährungszustand

Ein Pferd, das gut im Training steht und eine ordentliche Bemuskelung aufweist, kann das Reitergewicht deutlich besser kompensieren als ein Pferd, dass nur sporadisch bewegt wird und eine schlechte Bemuskelung aufweist.

Unter Ernährungszustand zählt auch noch der Punkt Über- oder Untergewicht. Beiden Pferdetypen kann und sollte weniger bis gar kein Reitergewicht zugemutet werden.

Ein untergewichtiges Pferd sollte bevor es geritten werden kann erst vom Boden aus gymnastiziert werden und die Ursache für das Untergewicht behoben werden. (Entwurmung, Blutanalysen, Zähne, ausreichend Raufutter etc.)

Einem stark übergewichtigen Pferd sollte ebenso deutlich weniger bis gar kein Reitergewicht zugemutet werden. Diese Pferde sind dauerhaft in einer Überlastung ihrer physiologischen und anatomischen Gegebenheiten. Hier eine zusätzliche Belastung mit einem übermäßigen Reitergewicht zu schaffen schadet dem Pferd nur zusätzlich.

Die Ursache für das Übergewicht sollte behoben werden und das Pferd vom Boden aus ohne Reitergewicht gymnastiziert werden bis es wieder ein annäherndes Normalgewicht aufweist.

Form der Belastung

Welcher Belastung wird das Pferd ausgesetzt?

Reden wir hier von 1x die Woche für 15 Minuten Schritt gehen, 4x wöchentlich Dressur- oder Springstunde oder 4 Stunden Ausreiten?

Größe und Gewicht des Reiters

Ein großer schwerer Reiter auf einem kleineren Pferd birgt einen deutlich größeren Hebel zum Pferd als ein kleinerer Reiter mit dem gleichen Gewicht. Dennoch zählen neben dem Gewicht auch die

– Reiterlichen Fähigkeiten

Haben wir hier einen nicht ausbalancierten leichten Reiter oder einen schwereren, der gut im Gleichgewicht bleibt und in der Bewegung mitgehen kann ohne zu stören?

– Ausrüstung

Definitiv nicht unberücksichtigt bleiben darf auch die Ausrüstung. Hier geht es nicht mal gezielt darum, ob diese passend ist, was selbsterklärend so sein sollte, sondern viel mehr auch hier um das Gewicht. Gewicht von Zaumzeug, Sattel, Stiefel, Helm, Decke, Gurt etc. darf nicht hinten runterfallen. Empfehlenswert für jeden Reiter sich mal in voller Montur mit allem auf die Waage zu stellen. Im Schnitt kommen hier nämlich noch 10-15kg Gewicht zum tatsächlichen Körpergewicht hinzu.

Wie man hier schon erkennen kann, gibt es nicht diese eine magische Zahl oder Obergrenze, sondern sollte immer im Ganzen und individuell bestimmt und festgelegt werden.

Jetzt aber zum eigentlichen Punkt.

Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. hat in ihrem Merkblatt genau dieses Thema ebenfalls behandelt.

„Beurteilung der Gewichtsbelastung von Pferden unter Tierschutzgesichtspunkten.“ (1)

In ihrer Ausarbeitung gibt es gleich 3 unterschiedliche Wege und Aspekte um ein maximales Reitergewicht festzulegen.

Die erste Variante bezieht sich auf das Stockmaß des Pferdes.

Widerristhöhe (cm) – 100 – 30 = max. Gewichtsbelastung in kg

Was man hier schnell erkennt. Diese Formel ist viel zu ungenau.

Die Größe des Pferdes wird hier berücksichtigt, jedoch nicht sein Gewicht. Ein zierliches 130 cm Pony könnte demnach das gleiche Gewicht tragen wie ein stämmiges und robustes 130 cm Pony. Was oft nicht der Realität entspricht.

Für eine schnelle Beurteilung mit einem zugekniffenen Auge lässt sich diese Formel nutzen, aber deutlich genauere Obergrenzen lassen sich mit Angabe des tatsächlichen Körpergewichtes ermitteln.

Dabei wird das maximale Gewicht prozentual zum Körpergewicht des Pferdes errechnet.

Hierzu wurden einige Studien angefertigt. Die neuste davon ist eine mit 6 Pferden mit einem Gewicht zwischen 500kg und 600kg und vier Reitern mit Gewichten zwischen 60,8kg und 142,1kg. (1) In dieser Studie mussten alle Versuche mit dem schweren und sehr schweren Reiter abgebrochen werden (Mehr als 20% Gewichtsbelastung), da die Versuchspferde deutliche Anzeichen von Schmerzen und sogar Lahmheiten zeigten.

Bei 500kg Pferdegewicht entsprechen 10% 50 kg, 15% 75 kg,
20% 100 kg und 25% 125 kg

Bei 600kg Pferdegewicht entsprechen 10% 60 kg, 15% 90 kg,
20% 120 kg und 25% 150 kg

Eines der Pferde lahmte nachträglich sogar bei einem von zwei Durchläufen mit einem moderat schweren Reiter (Gewichtsbelastung ca. 16%) 

So können wir hieraus nun schon erkennen, dass eine Gewichtsbelastung von 10%-15% im optimalen Bereich, 15%-20% nur einem ausreichend trainiertem gesunden Pferd und eine Belastung von über 20% in keinem Fall einem Pferd zugemutet werden sollte.

Bei dieser Studie wurde ein weiterer Faktor für die Belastbarkeit eines Pferdes ersichtlich.

Zum einen die Breite der Lende und zum anderen der Umfang des Röhrbeins, denn ein gutes Fundament kann besser große Last verteilen.

Der Röhrbeinbelastungsindex (RI) setzt den Röhrbeinumfang mit dem Körpergewicht des Pferdes in Verbindung.

Röhrbeinumfang (cm) x 100

————————————–       = Röhrbeinbelastungsindex (RI)

        Körpergewicht (kg)

Je höher der Wert, desto besser ist die Belastbarkeit.
Je niedriger der Wert, desto schlechter ist die Belastbarkeit.

Mehrere Pferde- und Ponyrassen wurden verglichen und eine Tabelle der verschiedenen RI angelegt.

Dabei schneiden Minishetland- und Shetland-Ponys mit einem RI von 9,5 und 7,4 am besten, Süddeutsche und Litauische Kaltblüter mit Werten von 3,1 bis 3,0 am schlechtesten ab.

RasseKörpergewicht in kgRöhrbeinumfang in cm RI

Minishettland-Pony
12011,49,5

Shetland-Pony
19014,07,4

Welsh B
33016,04,8

Deutsches Reitpony
38017,04,5

Norweger
42018,54,4

Arabisches Vollblut
45018,34,1

Englisches Vollblut
46020,34,4

Quarterhorse
47018,23,9

Haflinger
52018,83,6

Bayrisches Warmblut
60021,53,6

Hannoveraner
60022,03,7

Süddeutsches Kaltblut
77023,03,0

Litauisches Kaltblut
80025,73,2

Scheinen unsere Kaltblüter wohl doch keine guten Gewichtsträger zu sein.

Bei einem Gewicht von 750 kg entsprechen 10% 75kg und 20% 112,5 kg.

Bei einem Geweicht von 800 kg entsprechen 10% 80kg und 20% 160 kg. 

Wohl gemerkt, dass bei einem der schlechtesten RI von 3,0/3,2 wir hier im Rahmen von 10% bis maximal 15% Gewicht bleiben sollten.

Ein normalgewichtiger großer Mann bringt oft ja schon 80-90kg auf die Waage.

Fazit:

Gewichtsbelastungen von 10% ihres eigenen Körpergewichtes stellt für Pferd in der Regel kein Problem dar und sollten als optimal bezeichnet werden.  

Gewichtsbelastungen von 15% ihres eigenen Körpergewichtes stellt für Pferde ebenfalls kein Problem dar, sollte aber immer im Hinblick auf den Körperbau und Trainingszustand des Pferdes geschehen. Pferde mit breiter Lende und hohem RI kommen mit diesem Gewicht besser klar.

Bei Gewichtsbelastungen von 20% ihres Körpergewichtes läuft man Gefahr schon erste Schäden an Muskulatur und Gelenken hervorzurufen. Solch eine Belastung sollte nur unter optimalen Bedingungen und auch nur in moderaten Leistungen verlangt werden. (Körperbau, RI, Trainingszustand, geforderte Leistung, Bodenbeschaffenheit)

„Gewichtsbelastungen von 25 % oder gar 30 % der Körpermasse eines Pferdes gehen zunehmend mit Schäden an der Muskulatur einher und können auf lange Sicht dauerhafte Schäden am Rücken und dem gesamten Bewegungsapparat verursachen. Sie sind somit nach derzeitigem Wissensstand als tierschutzwidrig anzusehen“ (1)

Mehr dazu?

Tierschutz in der ReittherapieSaskia Henninger Schunterhof

(1) https://www.tierschutz-tvt.de/alle-merkblaetter-und-stellungnahmen/?no_cache=1&download=TVT-MB_185_Reitergewicht_01.09.2019.pdf&did=312

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