Vom Fohlen zum Reitpferd in nur 3 Jahren

Der Weg eines Pferdes von der Geburt bis zum voll ausgebildeten Reitpferd ist lang und anspruchsvoll. Leider wird in der heutigen Pferdezucht und Reitausbildung oft der Eindruck erweckt, dass ein Pferd bereits mit drei Jahren „fertig“ für den Reitsport ist. Doch dieser schnelle Weg – mit einem dreijährigen Pferd bereits in voller Arbeit, mit vier Jahren auf den ersten Turnieren und mit sieben Jahren auf „S“-Niveau – kann langfristige gesundheitliche Folgen haben.

Zucht und Erscheinung: Ein trügerisches Bild

In der modernen Zucht wird immer mehr Wert auf die optische Erscheinung eines Pferdes gelegt. Ein dreijähriges Pferd, das aussieht wie ein zehnjähriges, gut bemuskeltes Pferd, wird in der Zucht bevorzugt. Doch hinter dieser „frühreifen“ Erscheinung steckt ein weit weniger ausgereifter Körper. Auch wenn das Pferd äußerlich stark wirkt, steckt es noch in einer Phase des Wachstums und der Entwicklung.

Die langsame Entwicklung der Knochen und Strukturen

Die wichtigsten Knochenstrukturen eines Pferdes durchlaufen ein langsames und stetiges Wachstum, das nicht über Nacht abgeschlossen ist. Dies ist ein wichtiger Punkt, der oft übersehen wird, wenn junge Pferde schnell in den Sportbetrieb integriert werden.

Hufbein, Strahlbein, Kronbein und Fesselbein: Diese Knochen sind mit 6 bis 12 Monaten vollständig verknöchert.

Röhrbeine und Unterarme/-schenkel: Die Wachstumsfugen der Röhrbeine schließen sich erst mit etwa 1 bis 1,5 Jahren, während die Unterschenkelknochen erst mit 3 bis 3,5 Jahren vollständig verknöchert sind.

Sprunggelenk: Das Sprunggelenk, das eine zentrale Rolle in der Bewegung des Pferdes spielt, benötigt bis zu 4 Jahre, um vollständig belastbar zu werden.

Becken und Wirbelsäule: Das Becken, das die Kraftübertragung von der Hinterhand auf die Wirbelsäule ermöglicht, wächst mit etwa 3 bis 4 Jahren zusammen. Besonders die Wirbelsäule, bestehend aus zahlreichen Wirbeln, benötigt bis zu 6,5 Jahre, um vollständig verknöchert und stabil zu sein.

Warum schnelles Training und frühe Belastung problematisch sind

Ein Pferd ist, besonders in den ersten Jahren, noch nicht vollständig entwickelt. Die verschiedenen Strukturen und Knochen benötigen Zeit, um sich zu stabilisieren und vollständig auszureifen. Wenn junge Pferde zu früh zu stark belastet werden, kann dies schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben:

  • Schwächung der Sehnen und Bänder: Da die Sehnen und Bänder im jungen Alter noch nicht voll ausgebildet sind, sind sie anfällig für Überlastung und Verletzungen, besonders bei wiederholtem starkem Training und hoher Belastung.
  • Probleme mit den Gelenken und der Wirbelsäule: Ein zu frühes und intensives Training, bei noch nicht vollständig entwickelten Gelenken und der Wirbelsäule, kann zu schmerzhaften und langfristigen Schäden führen. Insbesondere können Gelenkentzündungen, Arthrose und Spondylose auftreten, die den Bewegungsapparat des Pferdes dauerhaft beeinträchtigen.
  • Trageerschöpfung: Durch zu hohe Belastungen überfordert das Pferd seine Muskulatur, was zu einer Trageerschöpfung führt. Die Folge können muskuläre Verspannungen und Lahmheiten sein, die die Lebensqualität des Pferdes erheblich beeinträchtigen.

Der Weg zu einem gesunden Reitpferd

Die Entwicklung eines Pferdes braucht Zeit. Während es für die Zucht und den Verkauf von Pferden verlockend sein mag, junge Tiere schnell in den Sport zu integrieren, ist dies langfristig schädlich für die Gesundheit des Pferdes. Ein gut ausgebildetes Pferd, das gesund bleibt und seine volle Leistungsfähigkeit erreichen kann, muss mehr Zeit für seine körperliche und geistige Entwicklung bekommen.

Ein angepasstes Training, das den natürlichen Wachstumsprozess unterstützt, ist der Schlüssel. Physiotherapeutische Betreuung, Osteopathie und regelmäßige Gesundheitschecks können dabei helfen, das Pferd optimal zu unterstützen. Auch der Fokus auf eine ganzheitliche Ausbildung, bei der das Wohlbefinden des Pferdes im Vordergrund steht, ist entscheidend für eine langfristige und gesunde Karriere als Reitpferd.

Fazit

Der Wunsch, ein Pferd schnell ausgebildet und turnierfähig zu machen, steht oft im Widerspruch zur natürlichen Entwicklung des Tieres. Ein Pferd braucht Zeit, um sich körperlich und geistig zu entwickeln. Die schnelle und intensive Ausbildung von jungen Pferden birgt das Risiko von Gesundheitsproblemen und langfristigen Schäden.

Es ist wichtig, die natürlichen Wachstumsprozesse zu respektieren und das Pferd in einem angemessenen Tempo zu fördern – so bleibt es ein gesunder und leistungsfähiger Partner im Sport.

https://www.pferd-aktuell.de/fn/newsticker/fei—fn—dokr/fn-tagungen-leitlinien-tierschutz-im-pferdesport-in-der-diskussion-

https://secure.avaaz.org/en/community_petitions/Bundesministerium_f_Petition_gegen_das_Herabsetzen_des_Mindestalters_zum_Ausbildungsbeginn_bei_Pferdes/


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