Das Thema Gewicht ist ein heiß diskutiertes Thema unter Reitern und Pferdebesitzern. Neben der Wahl der richtigen Reitweise wird nichts so intensiv hinterfragt wie das Gewicht des Reiters – und oft geht es dabei nicht nur um die Zahl auf der Waage. Ein scheinbar harmloser Kommentar über das Gewicht eines Reiters kann schnell zu hitzigen Diskussionen führen. Doch wie viel Gewicht ist tatsächlich für ein Pferd zumutbar?

In diesem Artikel beleuchten wir, wie viel Gewicht ein Pferd wirklich tragen kann und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.
Belastbarkeit eines Pferdes
Die Belastbarkeit eines Pferdes ist von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig. Es gibt nicht die eine magische Zahl, die für jedes Pferd gilt. Stattdessen müssen verschiedene Aspekte berücksichtigt werden, bevor man das maximale Reitergewicht bestimmen kann.
Eine grobe Einschätzung des maximal Gewichtes eines Reiters kann zwar durch diese Formel ermittelt werden, aber das tatsächliche Maximalgewicht eines Reiters setzt sich aus deutlich mehr Faktoren zusammen.
Widerristhöhe (cm) – 100 – 30 = max. Gewichtsbelastung in kg
1. Größe und Gewicht des Pferdes
Zunächst einmal ist es wichtig, das Pferd selbst zu betrachten. Ein kleines Welsh A Pony mit 120 cm Stockmaß wird nicht das selbe Gewicht tragen können wie ein gut ausgebildeter Hannoveraner mit 170 cm Stockmaß. Auch das Körpergewicht des Pferdes spielt eine entscheidende Rolle. Ein kräftiger Kaltblüter wird mehr Gewicht tragen können als ein zierliches Pony.
Für eine grobe Einschätzung des Gewichts meines Pferdes kann folgende Formel verwendet werden:
(Brustumfang in cm²) x Körperlänge (in cm) / 11900 = Gewicht des Pferdes in kg
Diese Berechnung ist zwar nicht perfekt, gibt aber eine gute Vorstellung vom Gewicht des Pferdes, wenn keine genaue Waage zur Verfügung steht.
Sinnvoller ist es ein oder zwei Mal im Jahr einen Termin mit einer mobilen Pferdewaage zu vereinbaren. So kann das Gewicht des Pferdes genau ermittelt und dokumentiert werden.
2. Trainings- und Ernährungszustand des Pferdes
Ein gut trainiertes Pferd mit kräftiger Bemuskelung kann größere Belastungen besser verkraften als ein Pferd, das wenig Bewegung und eine schlechte Muskulatur hat.

Auch der Ernährungszustand spielt eine Rolle: Ein untergewichtiges Pferd sollte nicht geritten werden, bevor nicht die Ursache des Gewichtsproblems behoben ist (z.B. Entwurmung, Zähne, ausreichendes Futter). Ebenso sollte ein übergewichtiges Pferd erst ohne Reitergewicht durch gymnastizierende Arbeit in Form gebracht werden, bevor es wieder Reitergewicht ausgesetzt wird.
3. Form der Belastung
Wie oft und in welcher Intensität wird das Pferd belastet? Ein einmaliges, kurzes Ausreiten oder eine kurze entspannte Runde im Schritt stellt eine geringere Belastung dar als eine intensivere Dressurarbeit oder ein langer Ausritt. Je mehr und länger das Pferd beansprucht wird, desto weniger Gewicht sollte es tragen, um Überlastung zu vermeiden. Auch lange Schrittausritte belasten den Trageapparat enorm. Wechsel zu höheren Gangarten entlasten oder es wird einfach auch mal abgestiegen und geführt.
4. Größe und Gewicht des Reiters
Natürlich spielt auch das Gewicht und die Größe des Reiters eine Rolle. Ein großer, schwerer Reiter hat durch seinen Hebelarm eine größere Belastung auf das Pferd als ein kleinerer Reiter. Doch nicht nur das Gewicht zählt – auch die reiterlichen Fähigkeiten sind entscheidend. Ein schwerer, aber gut ausbalancierter Reiter belastet das Pferd anders als ein leichter, aber schlecht ausbalancierter Reiter.
Zudem sollte die Ausrüstung nicht außer Acht gelassen werden. Sattel, Zaumzeug, Gurt, Helm und Stiefel summieren sich oft auf zusätzliche 10-15 kg, die das Pferd zusätzlich tragen muss.

Maximalgewicht für ein Pferd

Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wie viel Gewicht ein Pferd tragen kann. Doch es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, die eine grobe Orientierung bieten.
Laut der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) sollte das maximal empfohlene Reitergewicht nicht mehr als 10-15% des Körpergewichts des Pferdes betragen. Eine höhere Gewichtsbelastung, insbesondere über 20%, kann langfristige Schäden verursachen.
Ein Beispiel: Ein 500 kg schweres Pferd sollte idealerweise nicht mehr als 50-75 kg tragen, was dem 10-15% Bereich entspricht. Bei einem 600 kg Pferd wären das maximal 60-90 kg. Bei Belastungen von mehr als 20% (also 100 kg auf einem 500 kg Pferd oder 120 kg auf einem 600 kg Pferd) steigen die Risiken für Muskel- und Gelenkprobleme.
Der Röhrbeinbelastungsindex (RI)
Ein weiterer wichtiger Faktor für die Belastbarkeit eines Pferdes ist die Breite der Lende und der Umfang des Röhrbeins. Ein stärkeres Fundament verteilt die Last besser. Der sogenannte Röhrbeinbelastungsindex (RI) gibt Aufschluss darüber, wie gut ein Pferd Belastung tragen kann.
Röhrbeinumfang (cm) x 100 / Körpergewicht (kg) = Röhrbeinbelastungsindex (RI)
Ein höherer Indexwert bedeutet, dass das Pferd besser in der Lage ist, größere Gewichte zu tragen. Dabei schneiden kleinere Ponys wie Shetland-Ponys mit einem hohen RI besser ab als große Kaltblüter mit einem niedrigeren Wert.
Rasse | Körpergewicht in kg | Röhrbeinumfang in cm | RI |
Minishettland-Pony | 120 | 11,4 | 9,5 |
Shetland-Pony | 190 | 14,0 | 7,4 |
Welsh B | 330 | 16,0 | 4,8 |
Deutsches Reitpony | 380 | 17,0 | 4,5 |
Norweger | 420 | 18,5 | 4,4 |
Arabisches Vollblut | 450 | 18,3 | 4,1 |
Englisches Vollblut | 460 | 20,3 | 4,4 |
Quarterhorse | 470 | 18,2 | 3,9 |
Haflinger | 520 | 18,8 | 3,6 |
Bayrisches Warmblut | 600 | 21,5 | 3,6 |
Hannoveraner | 600 | 22,0 | 3,7 |
Süddeutsches Kaltblut | 770 | 23,0 | 3,0 |
Litauisches Kaltblut | 800 | 25,7 | 3,2 |
Fazit: Das richtige Maß finden
Es gibt kein universelles „richtiges“ Gewicht, das für jedes Pferd gilt. Die optimale Belastung hängt von vielen Faktoren ab, wie dem Körperbau, dem Trainingszustand und der Ausrüstung. Als Faustregel gilt jedoch, dass ein Pferd idealerweise nicht mehr als 10-15% seines eigenen Körpergewichts tragen sollte. Belastungen über 20% sollten nur unter besten Bedingungen und mit einem optimal ausgebildeten Pferd in Betracht gezogen werden. Gewichtsbelastungen von 25% und mehr sind laut aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sogar tierschutzwidrig, da sie zu dauerhaften Schäden führen können.
Für Reiter ist es wichtig, diese Zusammenhänge zu verstehen und sich bewusst zu machen, dass die Gesundheit und das Wohlbefinden des Pferdes an erster Stelle stehen. Jede Belastung sollte individuell angepasst werden, um das Pferd nicht unnötig zu überlasten.
Mehr dazu?
Tierschutz in der Reittherapie – Saskia Henninger Schunterhof
https://www.tierschutz-tvt.de/alle-merkblaetter-und-stellungnahmen/?no_cache=1&download=TVT-MB_185_Reitergewicht_01.09.2019.pdf&did=312